Kastration oder Sterilisation

Zuerst zur Begriffsbestimmung:

In der Tiermedizin wird ausschließlich die Kastration durchgeführt, da besonders bei Hündinnen und Kätzinnen nach Sterilisation Spätfolgen auftreten können, die eine erneute Operation erforderlich machen. Außerdem geht es bei diesem Eingriff ja gerade um das Ausschalten des Fortpflanzungsverhaltens.
Gesetzliche Grundlagen und Einschränkungen
Nach § 6 Tierschutzgesetz fällt die Kastration von Hunden (männlichen und weiblichen) ebenso wie das Kupieren von Ohren und Ruten sowie das Entfernen der Wolfskrallen unter das Amputationsverbot und darf nur beim Vorliegen eines vernünftigen Grundes vorgenommen werden. Dazu zählen medizinische Indikationen, die Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung oder - soweit tierärztliche Bedenken nicht entgegenstehen - die Unfruchtbarmachung zur weiteren Nutzung oder Haltung des Tieres. Der Tierarzt muss zum Wohle des Tieres abwägen, ob der Nutzen des Eingriffs mögliche Nachteile oder Risiken überwiegt.

Die Kastration als prophylaktische Maßnahme schon bei Jungtieren kann nicht als vernünftiger Grund angesehen werden. Der Wunsch des Tierbesitzers ist dafür nicht ausreichend und eine nur aus Bequemlichkeit vorgenommene Kastration damit illegal!
Welche Gründe gibt es für eine Kastration?

beim Rüden:


  • unerwünschtes oder übersteigertes Sexualverhalten


  • sexualhormonbedingte Aggressivität (bei allen anders bedingten Formen von Aggressivität kann eine Kastration keinen Erfolg bringen!)


  • Prostataerkrankungen


  • Hodentumoren


bei der Hündin:


Ab welchem Alter kann ein Hund kastriert werden?
Auf diese Frage gibt es eine Vielzahl von Antworten, die alle in irgendeiner Form eine Berechtigung haben, so dass der richtige Termin im Einzelfall ermittelt werden muss:

  • Geschlechtshormone werden im Wachstum und bei der Ausreifung von Körper und Psyche benötigt. Daher erscheint es sinnvoll, diese Hormone zu belassen, bis die Tiere ausgereift, d.h. erwachsen sind.

    Die soziale Reife erreichen die Tiere mit etwa 1,5 Jahren. Der Besitzer merkt dies daran, dass die Hunde beginnen, ihre Stellung in der Rangordnung in Frage zu stellen oder dass sie anfangen, ihre Aufgaben als Wachhund zu erfüllen.

    Die körperliche Ausreifung ist noch später abgeschlossen: Bei Hunden kleiner Rassen geht man von einem Alter von etwa 2 Jahren aus, bei großen von 3 Jahren und mehr.


  • Eine Kastration einer Hündin vor der 1. Läufigkeit senkt die Häufigkeit des Auftretens von Gesäugetumoren im Alter. Das stimmt, aber wenn man weiss, dass das tatsächliche Risiko einer solchen Tumorentwicklung bei etwa 2 % der Hündinnen liegt und diese Tumoren überwiegend im fortgeschrittenen Lebensalter auftreten, dann relativiert sich diese Aussage. Außerdem ist nach neuesten Forschungsergebnissen das Körpergewicht der Tiere im ersten Lebensjahr von weit größerer Bedeutung:

    Bei Übergewicht in diesem Lebensabschnitt steigt die Wahrscheinlichkeit, an Gesäugetumoren zu erkranken, erheblich!


  • Eine kastrierte Hündin lockt keine Rüden mehr an und blutet nicht mehr, ein kastrierter Rüde läuft nicht mehr weg oder heult die ganze Nachbarschaft zusammen.

    Dieser Grund sollte hinter gesundheitlichen Aspekten zurückstehen und ist eigentlich nur von Bedeutung, wenn mehrere Hunde unterschiedlichen Geschlechts in einem Haushalt leben.

Wie wird die Kastration beim Hund durchgeführt?
Bei beiden Geschlechtern erfolgt eine Operation unter Vollnarkose und unter sterilen Bedingungen.

Beim Rüden wird vor dem Hodensack die Haut eröffnet und beide Hoden durch diesen Schnitt entfernt. Wichtig ist Leinenzwang bis zur Entfernung der Fäden, da sich das OP-Gebiet zwischen den Hinterschenkeln befindet und damit bei jedem Schritt belastet wird. Eine gewisse Schwellung in diesem Bereich ist normal, durch zu viel Bewegung kann es aber zu erheblichen Schwellungen und Schmerzen kommen.

Bei der Hündin werden durch einen Bauchschnitt beide Eierstöcke entfernt. Auch hier ist bis zum Ziehen der Wundfäden eine Schonung des Tieres erforderlich.
Welche Nebenwirkungen oder Spätfolgen können auftreten?
Da es sich bei Kastration oder Sterilisation um eine Operation unter Vollnarkose handelt, muss man in jedem Fall mit Narkosezwischenfällen rechnen. Durch moderne Narkosen und gute Überwachung während des Eingriffs kann man diese Gefahr zwar mindern, aber niemals ganz ausschließen.

Wie bei jeder anderen Operation ist auch bei einer Kastration die Möglichkeit von Nachblutungen gegeben, diese kommen aber nur sehr selten vor.

Beim Rüden ist eine mittelgradige Wundschwellung normal, aber solange kein Fieber auftritt und der Hund sich normal bewegt, ist keine weitere Behandlung erforderlich.

Als Spätfolgen können auftreten:

beim Rüden:


  • Gewichtszunahme durch ruhigeres Verhalten: Dies ist in den Griff zu bekommen durch eine geringere Fütterung und mehr Bewegung.


  • Trägheit: Hier hilft nur Animieren zu mehr Bewegung und Spiel. Wenn kein Erfolg zu verzeichnen ist, sollte die Funktion der Schilddrüse überprüft werden.


bei der Hündin:


  • Gewichtszunahme und Trägheit: siehe Erläuterungen beim Rüden


  • gesteigerte Aggressivität und Ängstlishkeit: Es kann sehr selten vorkommen, etwa bei einer von 1000 Hündinnen, dass nach der Kastration eine erhöhte Agressivität auffällt. Dies kommt vor bei Hündinnen, die schon vor der Kastration zu agressivem Verhalten neigen. Bei diesen Tieren sollte man vorher überlegen, ob eine Kastration anzuraten ist.

    Bei frühkastrierten Hündinnen muss man außerdem mit einer Steigerung des Angstverhaltens rechnen. Diese kann sich in gesteigerter Trennungsangst oder verstärktem Fluchtverhalten äußern.


  • Harninkontinenz: Durch den Östrogenmangel kommt es bei etwa einem Drittel der Hündinnen in späteren Lebensjahren zu einer Inkontinenz. Es scheint so, dass die Inkontinenz nach Kastration vor der Pubertät seltener auftritt als nach Kastration nach der Pubertät. Allerdings tritt sie nach Frühkastration sehr viel heftiger auf als nach später erfolgtem Eingriff und ist auch schwerer zu behandeln. Die Behandlung erfolgt in der Regel medikamentös.


  • Bei Hündinnen, die vor der ersten Läufigkeit kastriert worden sind, die also nie eine Läufigkeit durchgemacht haben, kann es zu jedem Zeitpunkt im späteren Leben zu einer juvenilen Vaginitis, einer Scheidenentzündung, kommen. Diese ist normalerweise eine Erkrankung weiblicher Welpen, die mit dem Einsetzen des Zyklus verschwindet. Nach Frühkastration ist sie häufig behandlungsresistent.

Im Jahr 2002 wurde von einer Kollegin aus Bielefeld eine Studie durchgeführt, die sich mit gesundheitlichen und verhaltensbedingten Folgen der Kastration beim Hund beschäftigt. Die Ergebnisse dieser Studie liegen jetzt vor.

Im Rahmen der Studie wurden die Eigentümer von etwa 1000 Hunden jeden Alters, vieler Rassen und beiderlei Geschlechts mittels eines Fragebogens nach körperlichen und psychischen Folgen der vorausgegangenen Kastration ihres Tieres befragt.

Durch diese Art der Befragung sind die Ergebnisse sicherlich nicht objektiv und stellen daher auch nicht die alleinseligmachende Wahrheit dar, aber sie zeigen doch Trends und Wahrscheinlichkeiten auf.

Die Ergebnisse im Einzelnen:

Veränderungen bei Hündinnen:


  1. gesundheitliche:

    • Fellveränderungen: 49 %
    • Gewichtszunahme: 44 %
    • vermehrter Hunger: 40 %
    • Harntröpfeln: 28 %

  2. Verhaltensänderungen:

    • größere Ausgeglichenheit: 51 %
    • aktiveres Verhalten: 22 %
    • lethargisches Verhalten: 15 %
    • geringere Aggressivität gegen andere Hündinnen: 12 %
    • erhöhte Aggressivität gegen andere Hündinnen: 9 %
    • erhöhte Aggressivität gegen andere Hunde allgemein: 11 %


Veränderungen bei Rüden:


  1. gesundheitliche:

    • Gewichtszunahme: 47 %
    • vermehrter Hunger: 46 %
    • Verschwinden von Vorhautentzündungen: 45 %
    • Fellveränderungen: 32 %
    • Harnträufeln: 9 %

  2. Verhaltensänderungen:

    • ausgeglicheneres Verhalten: 63 %
    • verbesserter Gehorsam: 34 %
    • verminderte Aggressivität gegen andere Rüden: 34 %
    • Besteigungsversuche durch andere Rüden: 19 %
    • lethargisches Verhalten: 13 %
    • Unsicherheit im Umgang mit anderen Hunden: 7 %
    • verminderte Aggressivität gegenüber der Familie: 7 %
    • verminderte Aggressivität gegenüber Fremden: 2 %

Zumindest bei Rüden scheinen die Veränderungen im Aggressionsverhalten eine deutliche Altersabhängigkeit zu besitzen: Tiere, die sehr früh kastriert wurden, im Alter von unter 6 Monaten, aber auch Tiere, die bei der Kastration zwischen 6 und 12 Monaten alt waren, zeigen mit größerer Wahrscheinlichkeit erhöhtes Aggressionsverhalten gegenüber anderen Hunden beiderlei Geschlechts oder fallen durch verminderte Ausgeglichenheit auf. Daraus lässt sich folgern, dass man Rüden möglichst nicht vor der Vollendung des ersten Lebensjahres kastrieren sollte.

3 % der Hunde beiderlei Geschlechts zeigen nach der Kastration eine verlängerte Wachstumsperiode, allerdings 35 % der Tiere, die zum Zeitpunkt der Kastration unter 6 Monate alt waren. Daher erscheint es nicht sinnvoll, bei Hunden zur Frühkastration zu raten.

Und noch einmal mit besonderer Betonung: Auch in dieser Studie zeigt sich wieder, dass nur sexuell bedingte Aggressivität durch eine Kastration beeinflusst werden kann, nicht aber Aggressivität, die durch Beutefang-, Revier- oder Dominanzverhalten ausgelöst wird.


Mehr Tumore und öfter Verhaltensstörungen


In der Zeitschrift "Vetimpulse" vom 01. September 2014 habe ich einen Artikel zum Thema "Kastration beim Hund" gefunden:

In diesem Artikel wird über die schon länger anhaltende Diskussion eingegangen, ob die Kastration des Hundes nicht doch weitreichendere Folgen habe als früher angenommen. Eine aktuelle Studie untestütze diese These.

Es wurde untersucht, ob kastrierte Hunde ein größeres Risiko haben, an Krebs zu erkranken, als andere Tiere, oder ob Verhaltensstörungen zu befürchten sind. Von amerikanischen Tierärzten wurden die Daten von über 2500 Vizlas aus 25 Ländern ausgewertet.

Die Zahlen zeigten, dass rund 24 Prozent der untersuchten Hunde im Laufe ihres Lebens an einer Krebsform erkrankten, Krebs generell galt als häufigste Todesursache bei dieser Rasse. Die Ergebnisse stützen die Ergebnisse früherer Studien zum Thema. Tumore traten bei männlichen und weiblichen Tieren etwa 5-mal so häufig auf, wenn diese kastriert waren. Die kastrierten Hunde waren bei der Diagnosestellung auch deutlich jünger als unkastrierte.

Es hat sich gezeigt, dass die positiven Effekte der Kastration auf das Auftreten von Gesäugetumoren nicht so stark ist wie bislang angenommen. Von über tausend Hunden hatten nur 11 Gesäugekrebs. Verglichen mit anderen Krebsarten waren das relativ wenig Fälle, 250 Hunde hatten andere Tumore.

Erstaunlicherweise gibt es aber keinen Einfluss auf die Lebenserwartung: Kastrierte Hunde lebten genauso lang wie unkastrierte.


Bei den Auswirkungen auf das Verhalten der Tiere spielte der Zeitpunkt der Kastration eine wesentliche Rolle. Hunde, die schon mit sechs Monaten oder jünger kastriert wurden, entwickelten häufiger Störungen als andere. Je jünger der Hund zum Zeitpunkt der Kastration war, desto früher setzten die Probleme ein. Besonders oft kam dabei die Angst vor Sturm und Gewitter vor.